Wuppertal – Lehrjahre im bergischen Land

Wie froh wir sind, dass wir weg sind!

Beste Mensa Essen, dich zu verlassen und froh zu sein! Wir begaben uns auf die lange Reise um
hinein zu schweben über die lieblichen Täler in die unaussprechliche Schönheit der Natur – Wuppertal!
Eine Zuflucht für die Seele wie die unseren, hungrig nach akademischem Müßiggang, im Einklang mit grünem Seelenfrieden. Wie eine Festung des Wissens thronst Du über unüberwindbaren Bildungsgräben.
Eine wunderbare Befriedigung hat unsere ganzen Mägen eingenommen, gleich der Gemüsefrikadelle die wir mit ganzem Gaumen genießen. Doch nicht nur unsere Mägen, auch unsere Herzen wurden durch die Emsigkeit der Mensabediensteten und die Fabulierlust der Speisenden mit höchster Wonne gefüllt.
So viel Bescheidenheit bei so viel Vielfalt, so viel Geselligkeit bei so viel Anmut und die Ruhe der Seele bei wahrem Studium und Muße.
Wir traten an die Terrasse mit erquickendem Wohlgeruch des Kaffees in der Nase und um uns ward’s Elysium.[1]

Mensation: Rückfrage per Eilbrief: Hat’s geschmeckt?
Haar in der Suppe: Derbes Gerede am Nebentisch
Sursalzprise:  Erhabenes Tafelsilber


[1] Frei nach Hoppstock… pardon, Klopstock!

Aachen – It is a Men’s World

Aachen ist Testosteron. Die Maschinenbau-Mensa strotzt geradezu vor Männlichkeit. Nicht nur weil hier um 12 Uhr mittags hauptsächlich Männer sitzen, nein, das gesamte Ambiente ist maskulin gefärbt.
Das Essen hat beispielsweise nicht nur männergerechte Portionen, sondern ist in rustikaler Pommesbudenästhetik auch besonders ansprechend für das virile Auge. Und sogar die Menübezeichnung „Drum Sticks“ für Hähnchenschenkel schreibt sich klar in einen Gender-spezifischen Diskurs ein – suggeriert der „Stick“ doch deutlich phallische Symbolik.

Und auch die Architektur der Aachener Mensa ist gekennzeichnet von struktureller Härte, denn hier ist die Mensa kein Speisesaal, sondern ein Trakt.

Verwunderlich ist dabei, dass das Symbol von Männlichkeit fehlt, die Bierflasche . Aachen ist die erste Mensa, in der wir keinen Alkohol im Kühlregal entdecken. Warum kein Bierchen zischen an den Mittagstischen? Hier wird das Image unstimmig und als bloßes Etikett entlarvt. Hinter der Fassade der Testo-Mensa gibt es nämlich auch eine vegetarische Salatbar mit French Dressing.

Mensation: Der Saldoleser für die Mensacard!

Das Haar in der Suppe: Die längsten Tabletts der Welt.

Sursalzprise: Geschirrsparende „alles-auf-einen-Teller“-Philosophie!

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Tromsø – Die nördlichste Mensa der Welt

Pünktlich zu Weihnachten gibt es eine ganz besondere Überraschung für alle unsere Mensafreunde. Mensaaktivistin Johanne ist gerade auf Expedition im Land der Wikinger und hat keine Kosten und Mühen gescheut, eine echte norwegische studentkantine zu besichtigen:

„Ich hätte unseren Praktikanten Marcel B. mitbringen sollen, denn es gab kein einziges vegetarisches Angebot. Nicht einmal ein einziges Brötchen ohne Wurst!“ Das ist für Vegetarierin Johanne allerdings nicht wirklich neu. Sie kennt das „konsequent karnivore Selbstverständnis der Norweger“ aus erster Hand.  „In einem Land, in dem man zu Weihnachten statt Marzipanbrot Marzipanwurst isst, hofft man eben vergeblich auf fleischfreie Mensakost.“

Und so hat Johanne für die Mensaforschung einen Teller „totes Tier“ bestellt. Saftige neun Euro kostet so etwas in Norwegen, ein Bier übrigens das gleiche. Immerhin war der Teller voll („voll mit Fleisch!“): Pinekjøtt (gepökelte Lammrippe), Ribbe (gebratene Schweinerippe) und gekochte Weihnachtswurst. Dazu Kartoffeln, Rotkohl, Backpflaumen, Steckrübenmus, garniert mit Sjy-Soße.

„Seit dem Mittelalter gibt es keinen Beruf mehr, für den man eine solch hohe Kalorienzufuhr braucht, sicherlich nicht als Student, aber vielleicht als Weihnachtsmann.“ Den Weihnachtsmann hat Johanne nicht in der Mensa getroffen, obwohl der ja bekanntlich aus der Ecke kommt. (Wahrscheinlich füllt er gerade seinen Sack mit Butterpaketen aus Schweden.)

Jedenfalls schickt Johanne hochoffizielle Weihnachtsgrüße aus Norge und wünscht allen Mensafreunden GOD JUL!

Mensation: Mittagessen bei vollkommener Finsternis!

Das Haar in der Suppe: Nichts für Vegetarier…

Sursalzprise: Schmalzringe zum Nachtisch!

Dortmund – Mediterrane Technokratie

Schon der simple Weg zur TU Dortmund, der bei der integrierten S-Bahn Haltestelle „Universität“ endet, offenbart die hier beheimateten Maxime der Rationalität und Effizienz. Dieser Eindruck setzt sich nahtlos in der Dortmunder Mensa fort. Obwohl versucht wird, das technokratische Image mit terrakottafarbenem Intérieur zu tarnen, mit künstlichen Olivenhainen zu maskieren, blitzt eben dieses immer wieder auf.

Die toskanisch anmutende Villa della Mensa ist nämlich weniger natürlich-intuitiv gewachsen als offensichtlich rational geplant. Das verraten die geschickt eingesetzten Obfuscatoren. Sie verhüllen den Dortmunder Charakter aber nur oberflächlich und an zahlreichen Stellen nisten Trojaner, siegessicher kämpfend für innovativen Pragmatismus. So zum Beispiel die Lärmschutzfilzer unter jedem Stuhl, die den Geräuschpegel angenehm dämpfen oder die Salatsoße, die in Dortmund unten in der Schüssel fließt und die optimale Balance zwischen knackiger Frische und saftigem Geschmack ermöglicht. Oder aber die Kunst im Mensafoyer, die in Dortmund einfach aus Zahlen besteht – nach unserem Ermessen handelt es sich hierbei wahrscheinlich um die Nachkommastellen von π.

Die Tatsache, dass alle getesteten Menüs überdurchschnittlich kalt waren, kann beim besten Willen nicht unter dem mediterranen Flair verbucht werden, aber vielleicht gerade eben noch durch die außerordentlich gut sortierte Gewürzcorner wettgemacht werden.

 

Die Mensation: Das Mobiliar ist geradezu Restaurant-tauglich!

Das Haar in der Suppe: Kalter Fisch, kalte Kartoffeln, kalte Bohnen!

Sursalzprise: Die campuseigene Einschienenbahn!

Essen – Under (Re-)Construction

Schon seit einigen Monaten beobachten hungrige Esse(ne)r eine Mensamorphose. Zunehmend verschwanden Räume, das Bouquet der Speisen schrumpfte und die schnelle Theke zeugte vom wörtlichen Einzug der Fast-Food-Kultur. Daher konnte unsere Heimat nicht den Startpunkt für die Tour de Mensa NRW markieren. Eigentlich sahen wir die transformierte Mensa Essen als finale Station. Pünktlich zu Nikolaus aber gab die Essener Mensa eine exklusive Preview auf ihr neues Gesicht. Die Baufolie wurde hier und da aufgerissen wie knisterndes Geschenkpapier und hervortrat eine funkelnd-neue Essensausgabe. Anlass genug für einen Exkurs im Mensablog.

Im adventlichen Licht gab es aber nicht nur ein Amuse-Gueule auf das neue Gewand der Mensa, mit dem kulinarischen Weihnachtsspecial wurde auch die weihnachtliche Vorfreude gekitzelt. Dabei gab es eine besonders kuriose Überraschung. Scheinbar angeregt durch unsere Meditation über Mensavokabular integriert das Weihnachtsmenü Hauptkomponenten!
Die Serviettenknödel auf Waldpilzragout, die so schwer im Magen liegen wie die nahenden familiären Festtage bereiten genauso auf Weihnachten vor wie der frostige Charme des Eislaufhallentemperierten Speisesaals.

Mensation: Gasthöreraffine Eierlikörcreme

Das Haar in der Suppe: Wandtattoos – ein Jahrzehnt zu spät

Sursalzprise: Glühwein (Schussoption an der Kasse)

Düsseldorf – Konsequent dekadent

Düsseldorf ist ein Knotenpunkt für zahlreiche  Klischees. Ein Ort der High Society, in dem sich Glamour mit Gala verbindet. Natürlich determinieren solche Vorurteile unweigerlich die Erwartungen an die Mensa Düsseldorf. Dennoch lag die Bestätigung dieser Stereotypen jenseits unserer Erwartungen. Die Mechanismen der Identitätsstiftung faszinierten uns derartig, dass sie zum Mittelpunkt dieser Mensastudie avancierten. Auffällig ist die konsequente Abgrenzung zum Gegenüber, zu all dem, was das herkömmliche Düsseldorf-Image unterläuft. Subtile Kontraste wie eine unerträglich lange Passionsfahrt von Anreise und das farblos schäbig-schicke Interieur im Mensakern schärfen den Blick für das, was man eigentlich erwartet. Aber vor allem ist es die Rekurrenz auf Kollektiv-symbole, die die mensliche Identität etabliert. Petersiliendeko – gratuit –, die  funkelnden Strasssteine auf dem Mensateller, spiegeln den Düsseldorfer Lifestyle. Dazu setzt das aufwendige Dessert dem Menü eine feudal-süße Krone auf. Das Flagschiff dieses Selbstverständnisses steht im Kühlregal – Piccolofläschchen Sekt.

Der Mikrokosmos Mensa verweist in Düsseldorf noch auf mehr, scheint gar Düsseldorf-spezifische Sozialstrukturen abzubilden. Ein Blick auf die Architektur des Mensa-Komplexes verrät: Unten isst die First Class im bargeldlosen Exklusiv-Restaurant. Nach ganz oben kommt nur, wer die steile Treppe, die gänzlich ungeeignet ist für High-Heels, bewältigen kann. In Düsseldorf ist eben oben unten und unten oben. Diese hieraus resultierende Perversion der Bevölkerungspyramide ist zusammen mit wirklich hervorragendem Essen eine Reise wert! Erwähnt sei noch, dass der bewusste Test des Linseneintopfs, der ja gemeinhin wenig Sexappeal ausstrahlt, in Düsseldorf durchaus überzeugt hat.

Mensation:

Die Dessert-Theke!

Das Haar in der Suppe:

Die Geschirrabgabe ist hoffnungslos überlastet!

Sursalzprise:

Wir empfehlen einen Abstecher zum ersten Hörsaal in 3D!

Bochum – Wo nicht Mensa drauf steht, ist trotzdem Mensa drin

In der Ruhr-Universität Bochum, unserer ersten Station auf der intraföderalen/ extrakommunalen Tour de Mensa NRW, wurde direkt eine unserer Prämissen infrage gestellt und die Komplexität unseres Unternehmens trat zutage. Wie konstituiert sich die Identität einer Mensa? Was bedeutet es für die Mensa, wenn sie sich nicht als eben diese auszeichnen kann, also keinen Signifiant besitzt? In Bochum ist die Mensa bewusst nicht durch eine triviale Etikettierung vom Rest des akademischen Apparats abgekoppelt, vielmehr  ist sie ein Organ, ja gar das Herz, des Universitätskorpus.

Thronend über dem  pittoresken Ruhrtal schafft die Mensa Bochum eine Oase für die Sinne. Nicht selten ist für Studierende, wie Marcel B., 27, die Mensa der wahre Grund, um in Bochum zu studieren und sogar den Aufenthalt mit einer Dissertation zu verlängern. Rodriguez, der beliebte Maître de Mensa, frönt in der Flughalle der Ruhrromantik seiner kulinarischen Expertise und kreiert mit seinem Team  innovative  Speisen, in Bochumer Mundart „Komponenten“. So  etwa den „Hip-Hop-Mix“, nicht einfach eine Gemüse-Garniture, sondern eine Manifestation der Interkulturalität der Ruhrgebiets-Universitäten. Damit versprüht Bochum einen weltoffenen und juvenilen Esprit, der das ansonsten eher durchschnittliche Ruhrmahl ausgleicht.

Mensation: Der Ausblick!

Das Haar in der Suppe: Keine Gewürzcorner!

Sursalzprise: Exklusive Einblicke in die Mensaküche durch transparente Architektur!

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Die Mensa als Text


Eine Mensa ist nicht einfach ein akademischer Mittagstisch. Die Mensa ist aufgeladen mit symboli­schem Sinngehalt,  ein Gewebe aus kulturellen Chiffren und Codes. Sie gibt entscheidende Einblicke in das Campusleben einer Universität, verrät ihren Habitus. Kurz gesagt, die Mensa ist ein Text, der sich lesen lässt wie ein buntes kulinarisches Bilderbuch. Diese Bilder entfalten eine Rhetorik, die gera­dezu danach verlangt, dekonstruiert und in ihre arbiträren Bestandteile aufgelöst zu werden. Zumin­dest ist das so, wenn man die Welt aus den Augen zweier Literatur- und Kulturwissenschafts-Studentin­nen aus Essen sieht. Die Raumaufteilung, das Besteck, die Uniformen des Personals, die Farbzusammenstellung der Gerichte und die Getränkeauswahl sind dann nicht einfach nur da, son­dern kulturelle Statements. Dieses Bewusstsein schlummerte wahrscheinlich schon lange in uns, entfaltete sich aber erst wirklich, als wir im Austausch mit einem Bochumer Mensafreund darauf aufmerksam gemacht wurden, dass Beilagen in der Bochumer Mensa nicht Beilagen heißen, sondern Komponenten. Wir witterten sofort, dass diese kecke Vokabel wahrscheinlich nur ein kleiner Vorge­schmack auf völlig neuartige Mensadiskurse sein würde. So war es am Anfang tatsächlich das Wort, das uns neugierig machte, über den Essener Tellerrand zu schauen und die NRW-weite Tour de Mensa initialisierte.